Durch einen ARD-Videotext-Artikel wurde ich heute Morgen dazu animiert, eine Sonntags-Zeitung zu kaufen, die ich üblicherweise nicht lese. Aber ich war einfach neugierig zu erfahren, wie groß der Artikel denn sein wird, der u.a. das Faltenproblem von Frauen, die eh ab einem gewissen Alter drohen, unsichtbar zu werden, thematisiert.
Ich musste doch tatsächlich drei Kioske ansteuern, um das letzte Zeitungsexemplar zu ergattern. Zwei Seiten komplett Mary, mit feurig-rotem Hintergrund und leder-schwarzem Beinkleid! Liebe Mary, auch bei meinem vorhandenen Grundverständnis darüber, dass man manche Falten loswerden möchte, weil sie an Stellen sind, an denen man sie so gar nicht will, kann ich (im Moment grinsend) Dir eines völlig beruhigt attestieren: Selbst wenn Du nicht wüsstest, was dir gut steht und nicht intuitiv genau wüsstest, was dich gekonnt in Szene setzt und selbst wenn Du in einem senioren-standard-beige-lindgrünen Non-Outfit versuchen würdest, unsichtbar zu sein, DU BIST ES NICHT! Ich glaube, nach fast sechs Jahrzehnten auf der Bühne hast Du eine so erfahrene und natürliche Strahlkraft entwickelt, dass man dich zusammen mit deiner wunderbaren Stimme gar nicht übersehen und überhören kann. Und weißt Du warum? Weil du irritierst. Natürlich sieht man dir ein gewisses Lebensalter an. Pfundige Jahresringe um den Leib geschnürt, die Bandscheiben rutschen näher aneinander und blöde Mini-Fältchen sortieren sich im Gesicht parallel zusammen. Und trotzdem faszinierst du viele Menschen, egal welcher Generation sie angehören und egal ob Mann oder Frau. Neulich im Medio in Bergheim (wo ich dich hoffentlich am Ende nicht zu lange aufgehalten habe), da habe ich mir absichtlich einen Platz auf der Empore vorn ausgesucht. Nicht nur, um euer Programm gut sehen zu können, sondern auch, um das Publikum von oben zu beobachten. Manchmal habe ich nämlich das Gefühl, dass bei derartigen Veranstaltungen gerade einige der Ü-55-Damen zunächst einmal mit angezogener Handbremse da sitzen (die dazugehörenden Herren würden die Handbremse gerne früher lösen, glaube ich). Ich hab das Gefühl, dass da manchmal so eine Mischung ist zwischen Neid und Bewunderung, wenn deine Frauen-Generation dich wahrnimmt, und eben Irritation. Man weiß um dein Alter, erlebt dich auf der Bühne und im Kontakt nach dem Auftritt und ist einfach irritiert. Du hältst dich partout nicht an die Klischees, die man mit dem Älterwerden verbindet, hältst dich nicht daran, dass frau nach den Fünfzigern langsam ins Unsichtbarsein abdriftet, hältst nichts davon, den Mund zu halten und von der Bühne abzutreten oder nur alte Kamellen zu singen. Na ja, Künstler eben, könnte man denken, die müssen auffallen, müssen optimistisch sein und die dürfen sich trauen, ‚anders‘ zu sein. Und das ist vielleicht der springende Punkt: diese saudämlichen Hemmungen, diese tradierten Denkweisen und Rollenmuster, dass man als Mädchen, als Frau und erst recht als (über-) reife Frau nicht aus der Rolle fallen darf, vielleicht auch nur aus Sorge, unattraktiv zu sein. Vielleicht trifft meine Wahrnehmung nur auf wenige Frauen im Publikum zu, aber ich bilde mir einfach ein, dass mache ans Denken kommen. Na, am Ende einer Erdbeershow ist die Begeisterung ja eh bei nahezu allen zu spüren. Als jahrgangsechte 68erin finde ich die jahreszahlechte 68erin jedenfalls bewundernswert in ihrer lebenspositiven Sichtweise, die sicherlich auch ruhige Phasen hat und Langsamkeit nicht als Makel sondern als Achtsamkeit betitelt.
In unserer niederrheinischen Sprachweise gesagt, kann ich zudem nur feststellen, dass du nach wie vor lecker aussiehst, Mary 🙂 Ich habe es schon mal irgendwann geschrieben. Du hast ein paar Ausstrahlungselemente, die einfach witterungsbeständig sind.
Und um auf den Artikel zurückzukommen: dreißig Jahre jünger wäre ja übertrieben, aber ich würde dir schon einen stabilen, humorvollen Herzensmenschen für die temporär ersehnte Zweisamkeit wünschen, der deutlich unter achtzig ist und dich überzeugt, dass ein schmales Bett durchaus zuweilen völlig ausreichend dimensioniert ist und dass ein-Tuch-über-die-Lampe-hängen völliger Unsinn ist 😉
/// Ich wollte ja eigentlich nur ein paar Sätze schreiben … 😉 Liebe Grüße nach Hamburg (HH kann’s brauchen) und einen erholsamen Urlaub wünsche ich Dir, Mary! Ich freue mich auch auf drei easy-going-Wochen im schönen August!
--- Monika



